Wie man Kinder süchtig macht – nach Büchern

Illustration aus dem Kinderbuch

© aus dem Kinderbuch "Wo die wilden Kerle wohnen"
von Maurice Sendak - Quelle: chrismon Nr. 7/2007, Seite 46


Gabriele Hoffmann Gabriele Hoffmann, Jahrgang 1951, Inhaberin von "Leanders Leseladen" in Heidelberg, ist eine der engagiertesten und bekanntesten Kinderbuchhändlerinnen in Deutschland. Sie veranstaltet Seminare, geht in Kindergärten und Schulen, schreibt Empfehlungslisten - wirbt immer fürs Lesen.


"Gürtelbarbe! Keilfleckenbärbling!" Jedes Wort lässt sich Gabriele Hoffmann auf der Zunge zergehen. "Piraya!" Jedes Ausrufezeichen ist ein schneller Blick aus ihren blauen Augen: "Literatur! Poesie!" Dabei liest sie doch nur aus Herders Bilderlexikon vor, die Doppelseite mit den Zierfischen. Gabriele Hoffmann hat eine Botschaft: Alle Kinder können lernen, Bücher zu lieben. Man muss ihnen nur die richtigen geben. Aber welche sind das? 


chrismon: Frau Hoffmann, was steht in Kinderbüchern, wenn sie gut sind?


Gabriele Hoffmann: Ja, alles! Es geht immer um die ganze Welt und darum, wie man in ihr leben kann. Deshalb erinnern sinnvolle Kinderbücher oft an biblische Geschichten. Das Gleichnis vom verlorenen Schaf findet sich oft, zum Beispiel bei "Lars", dem kleinen Eisbären, der in Afrika landet, wo ihm das Flusspferd Hippo - in der Rolle des guten Hirten - hilft, nach Hause zu finden. Oder bei "Felix", dem kleinen Hasen, der ebenfalls verloren geht ... Auch in Romanen für größere Kinder spielen elementare Themen wie Verlust und Bindung eine große Rolle, und Autoren wie Joanne K. Rowling kennen ihre mythischen Vorlagen sehr gut.


chrismon: "Harry Potter", "Tintenherz", die "Eragon"-Trilogie - ist nur noch Fantasy erfolgreich?


Hoffmann: Ja, es sieht so aus, aber wer genau hinschaut, stellt fest, dass Fantasy oft gar nicht so versponnenes Zeug ist, sondern nur verpackte Realität. Der Qualitätsunterschied liegt in den symbolischen Bildern, die benutzt werden. Rowling macht das hervorragend, aber auch Kirsten Boie spielt schön mit vertrauten Bildern. Sie erzählt sogar wieder ziemlich realistisch. Wenn sie ihren "Ritter Trenk" in seine Abenteuer schickt, dann gehen die Leser nicht mit, um sich traumverloren in fremden Welten umzugucken, sondern um gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen - ein enorm emanzipatorisches Buch!


chrismon: Haben realistische Jugendbücher im Moment überhaupt keine Chance?


Hoffmann: Auf den ersten Blick sieht es so aus. Aber Cornelia Funkes "Die Wilden Hühner" spielt doch ganz im Hier, und jedes Mädchen kennt das Buch, und "Freche Mädchen - freche Bücher" haben Auflagen in schwindelnder Höhe. Rezensenten nennen so was Trivialliteratur, aber diese Bücher treffen einen Nerv, und sie werden von Kindern begeistert gelesen. Außerdem können sie Übergang sein zu Büchern wie den "Penderwicks" von Jeanne Birdsall. Kennen Sie die? Eine Reinkarnation von Astrid Lindgren!


 chrismon: Viele Jugendliche wollen nichts anderes als zum Beispiel die Fantasy-Sage "Eragon". Soll man das unterstützen?


Hoffmann: Warum nicht, wenn Jungen überhaupt Fiktion lesen, ist das wunderbar. Das Buch ist okay, und es gibt eine starke Frauenfigur: Seraphina, die Drachin, zeigt den Kriegern, wo es langgeht! Es gibt aber auch schöne Alternativen. Zum Beispiel "Der goldene Kompass", ebenfalls eine Trilogie, von Philip Pullman.


Bild aus dem Kinderbuch Wo die wilden Kerle wohnen


© aus dem Kinderbuch "Wo die wilden Kerle wohnen" Maurice Sendak


chrismon: Muss ein Autor für Kinder anders schreiben als für Erwachsene?


Hoffmann: Viele Leute sagen Nein, aber wer würde ernsthaft "Die Buddenbrooks" kleinen Kindern anbieten? Rotraut Susanne Berner hat "Wimmelbücher" gezeichnet - das sind Buddenbrooks für Kleinkinder! Sie hat die Komplexität von Zeit und Raum, die Geschichten der Figuren und deren Beziehungen wie einen großen Roman in Bildergeschichten für Zweijährige verpackt - ein Geniestreich. Kinder als Leser zu erziehen, heißt, eine Leseleiter anzulegen, die Sprache aufbaut, mit den Erfahrungen der Kinder verbindet und ihre Entwicklung begleitet.


chrismon: Was sind gute "Einstiegsdrogen" für Jugendliche?


Hoffmann: Harry Potter hat das Vertrauen der Leser berechtigt gewonnen. Aber auch die Bücher von Thomas Brezina können Leseverweigerer überlisten. Der Engländer R. L. Stine und seine schier endlose "Gänsehaut"-Reihe hat schon sehr viele Kinder lesesüchtig gemacht. In ihnen geht es um das Böse, das man einfach nicht aus der Welt schaffen kann. Die fantastischen Erlebnisse sind ja auch hier nur der Vordergrund. In Wirklichkeit werden die Beziehungen und Rollenverteilungen in der Familie geschildert. Oder die Bücher von Paul Stewart und Chris Riddell: Die Abenteuergeschichte "Fergus Crane" ist so liebevoll mit Bildern ausgestattet, dass die Schüler, die sich noch schwertun mit viel Text, wunderbar durch die spannende Geschichte gelotst werden.


chrismon: Was hilft jungen Lesern am Anfang?


Hoffmann: Auf jeden Fall viele Bilder! Und auf den ersten drei Seiten muss irgend etwas passieren, was sie bei der Stange hält. Text und Bilder sollten sich ergänzen und neugierig machen. Jungs finden oft Sachbücher und Lexika besser. Man muss nur wissen, ob bei ihnen jetzt gerade Piraten oder Ritter oder Regenwürmer angesagt sind. 


chrismon: Harry Potter, Pippi Langstrumpf - warum kommen erfolgreiche Kinderbuchhelden so oft aus kaputten Familien?


Hoffmann: Hm. Vielleicht, weil eine Familie gar nicht heil sein kann? In Märchen sterben oft die Mütter, dann kommt die böse Stiefmutter: ein idealer Stoff. Denn wenn die Mutter böse ist, können sich die Helden viel besser von ihr lösen und das Eigene leben. "Die wirklich gute Mutter ist die böse Mutter", hat der Kinderpsychologe Bruno Bettelheim einmal gesagt. Komischerweise haben die Prinzen in den Märchen nie eine böse Stiefmutter. Vielleicht emanzipieren sie sich deshalb so schwer. Tomi Ungerer hat mit "Kein Kuss für Mutter" ein wunderbares Söhnebuch gestaltet, und in Maurice Sendaks "Wo die wilden Kerle wohnen" besteht eine Mutter auf ihren festen Regeln, gegen die man aber verstoßen kann. Sendaks Bilderbuch ist überhaupt ein gutes Beispiel für Archetypisches, was auch kulturübergreifend funktioniert: Das Buch ist in der ganzen Welt beliebt.


chrismon: Soll man einem Kind, dessen Eltern sich getrennt haben, ein Buch zum Thema schenken? So was wie "Morgen schlafe ich bei Papa"?


Hoffmann: Nein, so nicht! Kinder mögen es lieber, wenn die Probleme auf der indirekten Ebene angesprochen werden. Die symbolische Verfremdung wirkt viel tiefer. Denken Sie an den "Maulwurf Grabowski", dessen Welt zerstört wird. Niemand kann ihm helfen, sogar der Baggerzahn lässt ihn fallen - wie eine Mutter, die selbst verletzt ist, ihr Kind nicht halten kann. Und doch schafft er es, ein neues Zuhause zu finden. Das ist ein Versprechen, betroffene Kinder nehmen es gerne an. 


chrismon: Welches Buch schenkt die Tante als Erstes?


Hoffmann: Unübertroffen ist Helmut Spanners "Erste Bilder, erste Wörter" zum ersten Geburtstag, dann "Ich bin die kleine Katze" vom selben Autor, und spätestens zum dritten Geburtstag "Herders großes Bilderlexikon", aber das blaue, alte! Diese Bücher eröffnen die Welt. Ich könnte stundenlang erzählen von Kindern und ihren Geschichten mit diesen Büchern. Kinder brauchen von Anfang an Bücher, die für sie lesbar sind, also lange bevor sie in den Kindergarten kommen. In den ersten drei Jahren werden Weichen gestellt, die für ihr ganzes Leben entscheidend sind.


Quelle: chrismon Nr. 7/2007, Seite 46, von Anne Buhrfeind

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