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55. Wir Kinder aus Bullerbü
Titel: Wir Kinder aus Bullerbü,
Autorin: Astrid Lindgren
Verlag: Oetinger, ISBN: 378911944X (bestellen),
Alter: ab 4
„Ich heiße Lisa. Ich bin ein Mädchen.“ Es gibt unter Literaturliebhabern das Spiel: Wie gut ist der erste Satz eines Textes. Es wäre ganz interessant, dieses Spiel mit einigen Erwachsenen zu spielen und dabei herauszufinden, wer von ihnen weiß, welches Kinderbuch mit diesen zwei Sätzen beginnt, denn es handelt sich um eines der meistgelesenen und meistgeliebten Bücher überhaupt. Und überhaupt meint, auf der ganzen Welt, seit es dieses Buch gibt. Die Frage ist natürlich, warum genießt es so viel Anerkennung? Warum wollen Kinder in Schweden, Deutschland, Amerika, Japan und bestimmt auch in Afrika und Australien diese Geschichten immer und immer wieder hören? Ganz einfach: Kinder sind sehr verschieden, aber es gibt einige Dinge, die allen Kindern überall auf dieser Welt und unabhängig davon, wie sie leben, unendlich wichtig sind: In Bullerbü geht es um diese Gemeinsamkeiten, es geht um die anderen Menschen, mit denen man zusammenlebt, es geht um Tiere, die zu einem gehören, es geht um die Häuser und die Landschaft, in der man lebt, kurz, es geht um die Bedingungen des ZuhauseSeins. Das Zuhause besteht aus Räumen und Situationen, in denen Alltag stattfindet. Lisa ist ein ganz gewöhnliches Mädchen, und ihre Geschwister und Freunde sind ebenfalls ganz gewöhnliche Kinder, und sie erleben ganz gewöhnliche Dinge, die in diesen Geschichten erzählt werden. Alles wird ganz einfach dargestellt, ohne Aufregung, obwohl es manchmal durchaus um so spannende Dinge geht wie die Angst vor Gespenstern; ohne Eitelkeiten, obwohl natürlich die Mädchen gerne Prinzessinnen wären und die Jungs Drachenjäger; ohne Leistung, ja, ohne Druck, denn es geht um die Unbeschwertheit des Lebens, die man braucht, um sich Schritt für Schritt zu einer selbstsicheren Persönlichkeit entwickeln zu können. Lisa wird, wenn sie groß und erwachsen ist, ganz sicher eine schöne, selbstbewusste junge Frau sein, die sich auf die große weite Welt und auf ein geborgenes Zuhause für ihre Familie freut. Sie wird wissen, was Kinder brauchen, denn sie durfte selbst alles erleben, was ein Kind als Grundlage nötig hat, um später das Leben zu wagen. Es findet sich übrigens in dieser Geschichtensammlung ganz eindeutig auch das pädagogische Konzept, das Astrid Lindgren all ihren Büchern zugrunde legte: die Befreiung von Swipp. Lindgren beschreibt hier ganz konkret, was sie unter Liebe zu einem Abhängigen versteht: Ruhe, Geduld, Zugewandtheit, Ausdauer und Vertrauen in die Gutartigkeit eines Lebewesens, auch wenn es zunächst wild und böse wirkt, wie Swipp, der misshandelte Hund an der Kette, der Oles braver Freund wird. Bullerbü-Kinder brauchen diese Therapie nicht, aber viele Kinder, die wie Swipp vergessen sind, brauchen diese Texte. Die Kraft der Sätze dringt bis in die Seele der Kinder und der Vorleser, weil alles Überflüssige weggelassen ist. Dieses Buch ist ein kostbarer Schatz und eine wunderbare Bestätigung für Eltern, die manchmal besorgt sind und sich fragen, ob sie ihre Kinder noch zeitgemäß erziehen.
